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Logo editorial„Der Herbst ist immer unsere beste Zeit.“
(Johann Wolfgang von Goethe)

Ob sich unser Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe, der in einem Brief an seinen Freund Friedrich von Schiller feststellte, „der Herbst ist immer unsere beste Zeit“, nicht getäuscht hat?

Sicher, der Herbst ist die Erntejahreszeit schlechthin. Keller, Speicher und Speisekammern werden gefüllt, um sorglos über den Winter zu kommen. Früchte, wie Äpfel, Birnen, Quitten und Zwetschgen, werden verarbeitet und eingeweckt oder zu Saft gepresst und eingekocht. Trauben werden gelesen und zu köstlichem Nass vergoren, mit dem man sich so manchen langen, dunklen Winterabend als Traubenmost oder Wein „schön“ trinken kann.
Auch in der Natur kann sich der Herbst von seiner schönen Seite zeigen, wenn der Wettergott mitspielt, und lädt dann zu langen Spaziergängen in Feld, Wald und Flur ein. An bunt gefärbten Laubbäume und Buschwerk kann man sich an sonnigen Tagen, die es immer wieder einmal auch im Herbst gibt, erfreuen und Energie für den bevorstehenden Winter tanken.
„Sonnige Tage“ gab es in der Vergangenheit auch im politischen Herbst: Denke man nur an den Herbst im Jahr 1918. Das Deutsche Reich hatte zwar den Ersten Weltkrieg verloren, doch ab der sogenannten Weimarer Republik – von 1918 - 1933 – bestand erstmals eine parlamentarische Demokratie in Deutschland. Als weiteres Beispiel für „sonnige Tage“ im politischen Herbst muss man die friedlichen Revolutionen im Jahr 1989 anführen, die in Mittel- und Osteuropa zur Abschaffung der kommunistischen Systeme und in Deutschland letztendlich zum Fall der Mauer zwischen Ost und West führten. Von ausschlaggebender Bedeutung war mit Glasnost und Perestroika in der UdSSR die sogenannte „Sinatra-Doktrin“ – benannt nach dem amerikanischen Sänger und Entertainer, zugrunde gelegt sein Welthit „I did it my Way“ – von Michail Gorbatschow. Diese Doktrin erlaubte es Ostblockstaaten erstmals „eigene Wege zu gehen“ und Unabhängigkeit zu erlangen.
Auch der Herbst 2017 wird in die politischen Annalen von Deutschland eingehen, jedoch nicht als „sonnig“. Erstmals wurden die etablierten großen Volksparteien von den Wählerinnen und Wählern bei der Bundestagswahl abgestraft und eine am rechten Rand angesiedelte Partei, um es vorsichtig zu formulieren, wird mit einem niedrigen, aber dennoch bemerkenswerten, zweistelligen Ergebnis nach der CDU/CSU und der SPD als drittgrößte Partei in den Bundestag einziehen. Und wäre somit Oppositionsführerin, hätten sich die Sozialdemokraten nicht „geopfert“ und noch am Wahlabend verkündet, in die Opposition zu gehen. Alles andere als „sonnige“ Aussichten kommen nun auf die Bundesrepublik zu. Und nur, weil (Wut-)Bürger aus Protest eine Partei am Rand der Gesellschaft gewählt haben? Hierzu fällt mir das Gedicht „Nachtgedanken“ von Heinrich Heine ein, dessen erste Zeilen lauten: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht, (...)“. Mit diesem Gedicht, das er in seinem Pariser Exil, in das er 1831, angefeindet wegen seiner politischen Ansichten und der zunehmenden Zensur in seinem Geburtsland Deutschland, übersiedelte, verfasste, sehnt er sich, laut Interpretation von Literaturexperten, zurück in ein schönes, in ein schöneres Deutschland.
Noch ist die nach der Bundestagswahl angestrebte Jamaika-Koalition nicht unter Dach und Fach, doch man soll die Hoffnung nie aufgeben. Wollen wir hoffen, dass sich die beteiligten Parteien zum Wohl der Bürger – ihrer Wählerinnen und Wähler – einigen können und wollen. Für ein „schöneres“ Deutschland im weitesten Sinn. Aber „Nicht jeder Herbst füllt die Vorratsspeicher“ (Sprichwort aus Estland) und dennoch sollten wir mit Zuversicht in die Zukunft blicken.
Ihr
Herausgeber – im „Herbst des Lebens“ stehend